springe zum Hauptinhalt
Rechnungslegung & Finanzen
12. Juni 2026
Benedikt Imbusch / Jannik Brinkmann

M&A: Wandel von Transaktionsprozessen durch KI

Der M&A‑Markt befindet sich mit dem zunehmenden Einsatz von KI in einer Phase tiefgreifender Veränderungen. Technologien, die vor wenigen Jahren noch als experimentelle Ergänzung galten, entwickeln sich zu einem festen Bestandteil professioneller Transaktionsvorbereitung. Der M&A-Sektor muss sich daher auf strukturelle Anpassungen einstellen, die u.a. die Geschwindigkeit von Transaktionen, die Qualität der Entscheidungsgrundlagen sowie die Bewertungsparameter maßgeblich beeinflussen können.

Aktuelle Ausgangslage 

Während der Einsatz generativer KI in vielen Unternehmensbereichen bereits deutlich zugenommen hat, befindet sich der M&A‑Sektor in einer vergleichsweise noch frühen Umsetzungsphase. Laut aktuellen Befragungen nutzt bislang nur ein kleinerer Teil der M&A‑Professionals generative KI oder KI‑Agenten produktiv im Arbeitsalltag. Allerdings befinden sich viele Organisationen in Pilotprojekten oder bereiten sich auf eine breitere Einführung vor. Dies führt zu einer Übergangssituation: Akteure, die KI bereits heute strategisch einsetzen, verschaffen sich einen spürbaren Wissens‑ und Geschwindigkeitsvorsprung. Mittelfristig wird sich der KI-Einsatz jedoch zu einer grundlegenden Voraussetzung für eine professionelle Transaktionsanalyse entwickeln – vergleichbar mit der Einführung digitaler Datenräume.

Der Einfluss von KI auf den Transaktionsprozess

Zu den deutlichsten Einsatzvorteilen zählt die drastische Reduktion manueller Recherchearbeit. Informationen, die früher aus Handelsregister, Bundesanzeiger, Branchenreports und internen Systemen mühsam zusammengesucht werden mussten, können heute durch KI‑basierte Tools innerhalb weniger Minuten aggregiert und analysiert werden. Dies ermöglicht nicht nur eine erheblich schnellere Informationsaufbereitung. Für die Käuferseite bedeutet dies eine schnellere Qualifizierung potenzieller Targets, eine breitere und objektivere Datenbasis sowie eine frühzeitigere Identifikation zusätzlicher Übernahmeoptionen.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass menschliche Expertise nicht mehr erforderlich ist. Vielmehr verschiebt sich der Fokus auf weniger Zeit für Fleißarbeit und mehr Zeit für Interpretationen, strategische Bewertung und Verhandlungsvorbereitung. Für die Verkäuferseite steigt dadurch gleichzeitig der Druck, die Datenqualität zu verbessern. Unternehmen, deren Prozesse und Reportingstrukturen nicht sauber dokumentiert oder digitalisiert sind, geraten zunehmend ins Hintertreffen.

KI-Tools mit klaren Anwendungsvorteilen

Für die Nutzung entsprechender KI‑Funktionen sind oftmals keine spezialisierten Werkzeuge erforderlich, da bereits allgemeine Systeme wie Microsoft Copilot oder Google Gemini hierfür ausreichen. Darüber hinaus existieren jedoch auch speziell auf M&A-Prozesse ausgerichtete KI-Lösungen, die deutlichere Fortschritte in Qualität und Effizienz versprechen. Ein Beispiel hierfür ist das Tool „Rogo“ des gleichnamigen US-amerikanischen Unternehmens. Rogo ist eine spezialisierte KI‑Plattform u.a. für Finanz- und M&A‑Professionals, die in vollständig getrennten, dedizierten Umgebungen betrieben wird und generative KI, Finanzdatenintegration und Workflow‑Automatisierung kombiniert.

Die Plattform ist darauf ausgelegt, klassische M&A‑ und Investment‑Banking‑Prozesse erheblich zu beschleunigen und qualitativ zu verbessern, indem Arbeitsschritte wie die Erstellung von Pitch Decks, Finanzmodellen, Unternehmensprofilen und Marktanalysen, die Vorbereitung von Meetings oder das Dokumentenscreening automatisiert werden.

Veränderter Blick auf Unternehmensbewertungen

Eine der weitreichendsten Entwicklungen zeigt sich bei der Bewertung von Unternehmen. Die Frage lautet zunehmend nicht mehr nur: Wie profitabel ist das Unternehmen heute? Sondern vielmehr: Wie zukunftsfähig ist sein Geschäftsmodell im Zeitalter der KI? Unternehmen, die KI sinnvoll in Prozessen und Produkten integrieren, werden zu attraktiveren Targets.

Auf der anderen Seite droht eine neue Form des Bewertungsabschlags: Unternehmen, die technologisch zurückfallen oder deren Geschäftsmodell durch KI gefährdet ist, könnten an Wert verlieren, selbst wenn die aktuelle Zahlenlage stabil erscheint. Diese Verschiebung verändert auch die Due-Diligence-Schwerpunkte. Neben klassischen finanziellen und rechtlichen Themen rücken Datenqualität, Digitalisierungsgrad und KI-Kompetenz stärker in den Vordergrund.

Vorsicht

Trotz der positiven Dynamik warnen Experten auch vor einer möglichen KI‑Übertreibung. Viele Technologiekonzerne sind hoch bewertet und ein Rückgang dieser Bewertungen könnte auch den M&A‑Markt beeinflussen, insbesondere bei Finanzierungsbedingungen und Multiples in technologiegetriebenen Segmenten.

Fazit

Künstliche Intelligenz verändert das M&A‑Geschäft umfassend. Sie beschleunigt Prozesse, erweitert die Analysebreite und führt zu neuen Bewertungslogiken. Gleichzeitig bleibt der Mensch als strategisch und analytisch denkende Instanz unverzichtbar. Unternehmen, die KI frühzeitig in ihre M&A‑Prozesse integrieren, werden künftig klare Vorteile erzielen.